Landesverband Rheinland-Pfalz
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Autonomes Fahren – wer lenkt hier wen?

Endlich kommt das Auto ganz zu sich selbst. Immer schon auto-mobil, das sich aus eigener Kraft bewegende Fahrzeug, wird es jetzt auto-nom. Auch seine Steuerung wird zu seiner eigenen Sache, beim autonomen Fahren folgt es den eigenen Regeln (griechisch Nomos, Gesetz).

Für die Menschen geht es dann ganz entspannt zu. Der autonome Sklave hört auf den Wunsch seines Besitzers oder seiner Besitzerin und transportiert, wohin man möchte.

Vielleicht aber auch nicht? Wer setzt die Regeln, nach denen das Auto sich und einen steuert? Ist es am Ende vielleicht doch der heute meist chinesische oder von Elon Musk angeheuerte Programmierer, der festlegt, wohin man gefahren wird? Vielleicht ist dem Programmierer ein Missgeschick passiert, so dass es einem ergeht, wie kürzlich der Frau, die vom Robo-Taxi auf die mittlere Spur einer Autobahn gebracht wurde, wo das Auto stoppte und die Türen verriegelte. Vielleicht will der Programmierer oder der zentrale Admin aber auch, dass man woanders ankommt, als man es selbst gern hätte. In Zukunft könnte eine Verhaftung über eine Anweisung ans Auto laufen: „Fahre direkt ins Gefängnis, gehe nicht über Los, Geld darfst du nicht mehr holen“. 

Freiheit oder Ausgeliefertsein?

Das ist eine dystopische Vision. Aber die Verheißung des autonomen Fahrzeugs ist nicht mehr die Freiheit der Bewegung, von der erst kürzlich Bundeskanzler Merz schwärmte. Das Ziel wird nicht durch den bestimmt, der fährt, genauer gesagt, mitfährt. Sondern durch den, der die Steuerung führt.

Technisch gesehen kann ein Musk ins Lenkrad eingreifen und Motor und Bremse betätigen. Big Brother ist auf jeden Fall präsent. Schon heute greift die Polizei auf die ständig mitlaufenden Videokameras der Robo-Autoflotte zu, um flächendeckend Aufnahmen des öffentlichen Raums zu erhalten [https://netzpolitik.org/2025/los-angeles-robotaxis-als-fahrende-ueberwachungskameras/] In modernen digitalen Autos wird auch der Innenraum durch Kameras überwacht, um z.B. die Übermüdung eines potentiellen Fahrers festzustellen.

 

Das endgültige Ende der Mobilitätswende?

Die dystopischen Visionen mögen uns hier weniger betreffen. Ganz handfest ist jedoch, dass das autonome Privatauto der Mobilitätswende endgültig den Garaus machen kann. Technikoptimistische Futuristen mögen davon schwärmen, dass das autonome Fahren die Städte befreien würde, weil die Parkraumprobleme verschwinden würden, wenn man mit überall präsenten Robotaxis sich überallhin fahren lassen könne und nicht auf das abgestellte eigene Auto angewiesen wäre. Aber das ginge ja auch heute jedenfalls in der Stadt schon problemlos mit ÖPNV und Car-Sharing. Doch die meisten Menschen bevorzugen, solange sie es sich leisten können, das eigene Auto. Die Automobilindustrie hat auch gewiss im Blick, dass sie künftig auch noch dem 90jährigen eine teure Limousine verkaufen kann, die den Menschen nach seinen Wünschen, oder bei Gesundsproblem direkt ins Krankenhaus, kutschiert.

Studien unterstreichen diese Szenarien. Die Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV) befürchtet in einem im Jahr 2020 erschienenen Bericht [Chancen und Risiken des autonomen und vernetzten Fahrens, https://www.fgsv-verlag.de/pub/media/pdf/006_14.v.pdf, S.7]

„eine Zunahme der Zahl der Pkw-Fahrten und der Fahrtweiten mit der Konsequenz einer steigenden Fahrleistung“.

 

Mobilitätskultur in der Sackgasse

Die Räume, die für den Autoverkehr benötigt werden, würden sich dann nicht verringern, genausowenig wie der Energiebedarf für die Mobilität und der Rohstoffaufwand, im Gegenteil. Zu befürchten ist eine weitere Verschlechterung der Bedingungen für den Rad- und Fußverkehr. Wenn künftig im Kraftfahrzeug niemand mehr sitzt, mit dem man Blickkontakt zur Abstimmung des Fahrverhaltens aufnehmen kann, und man nur noch hoffen kann, dass die Computersysteme im Auto eine Person identifiziert haben und dass die KI so angeleitet wurde, dass sie die richtigen Schlüsse zieht, fügt dies der ungleichen Masse- und Kraftverteilung zwischen Auto und Mensch noch das Ausgeliefertsein an einen anonym die Regeln bestimmenden Apparat hinzu.

Fazit: Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass das autonome Fahren im Straßenverkehr die Mobilitätskultur der Gesellschaft nur noch tiefer in die automobile Sackgasse befördert, in die sie sich verfahren hat.

(RR)

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