Landesverband Rheinland-Pfalz
Jede und jeder kennt die Lage. Bahnhöfe sind nicht schön, an Bahnhöfen macht man unangenehme Erfahrungen. Bahnhöfe sind die Orte, an denen das heruntergekommene Bahnnetz sich mit Verspätungen, verpassten Anschlüssen und unzulänglichen Informationen über Probleme besonders deutlich bemerkbar macht.
Bahn-Chefin Evelyn Palla hat kürzlich angekündigt, in den nächsten fünf Jahren 20 Milliarden für die Renovierung und Modernisierung der Bahnhöfe ausgeben zu wollen. Ein wichtiger Schritt.
Doch den Problemen lässt sich, so konnte man dem Vortrag von Dr. Jutta Deffner, Wissenschaftlerin vom Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE), am 14. März in Mainz im Rahmen eines VCD-Themenabends entnehmen, nicht allein mit Geld hinreichend etwas entgegensetzen – so dringend auch Milliardeninvestitionen in Bahninfrastruktur und Bahnbetrieb benötigt werden. Das Projekt zum „Bahnhof der Zukunft“ , in dem Deffner für das Deutschen Zentrum für Schienenverkehrsforschung arbeitete, zeigte Handlungsperspektiven auf.
Wenn wir eine zukunftsfähige Mobilität anstreben, dann muss sich das Denken und Handeln bei der Ausgestaltung der Verkehrsinfrastruktur ändern. Die herkömmlichen Vorstellungen der Planenden sind geprägt von der Idee, ich will von A nach B kommen und das möglichst schnell. Das Ideal ist im Grunde die Autobahn, die einen möglichst auf gerader Linie mit möglichst hoher Geschwindigkeit zum Ziel führen soll, am besten, ohne den Sitzplatz zu verlassen. Die Straße muss gut sein, die Umgebung der Reise interessiert nicht.
Umweltfreundliches längeres Reisen ist dagegen intermodal. Man wechselt zwischen verschiedenen Formen und Mitteln der Fortbewegung. Eigentlich beginnt auch die Fahrt mit dem Auto mit ein paar Schritten zum Parkplatz, aber dann überlässt man sich der Straße und dem Navi. Bei einer umweltfreundlichen Mobilität ist man im Nahbereich zu Fuß unterwegs oder nimmt das Fahrrad. Bei einer weiteren Entfernung wird die Intermodalitätskette komplexer. Du gehst zu Fuß zum Bus oder zur Straßenbahn und fährst mit dem ÖPNV zum Bahnhof oder nutzt Rad/Pedelec/E-Scooter oder ein Auto, um dorthin zu gelangen. Am Bahnhof klinkst du dich ins Bahnnetz ein. Möglicherweise sind bei der Reise Umstiege erforderlich, mit neuerlichen Zwischenaufenthalten an Bahnhöfen, möglicherweise gibt es für Teilstrecken alternative Bahnverbindungen oder die Möglichkeit des Wechsels auf ein anderes Verkehrsmittel. Bahnhöfe (oder andere Haltepunkte im ÖPNV-Netz) sind jeweils Verbindungspunkte für Abschnitte der Fahrt, aber zugleich immer wieder Aufenthaltsorte. Es gibt viele Anlässe, an ihnen und unter ihnen zu leiden. Aber es gibt auch Ansätze, sie zu verändern.
Jutta Deffner zeigte auf, wie eine veränderte Perspektive auf den Bahnhof und die Reisenden konkrete Handlungsmöglichkeiten eröffnet.
Dafür darf man nicht einfach nur die technische Funktionalität der Bahnhöfe beachten (z.B. dass es eine barrierefreie Verbindung von Bahnsteig 1 zu Bahnsteig 4 gibt). Startpunkt für Veränderungen muss sein, die Perspektive der Reisenden einzunehmen und ihre Erfahrungen und Beobachtungen ernstzunehmen. Es müssen dann Ansätze gefunden und umgesetzt werden, die ihnen bessere Erfahrungen als bislang ermöglichen. Z.B. wie komme ich ohne Stress von einem Bahnsteig zum anderen, auch bei Bewegungseinschränkungen; ohne Sorge vor defekten Aufzügen; und ohne das Gefühl, durch einen bedrohlichen, dunklen, versifften Gang gehen zu müssen.
Im Forschungsprojekt wurden Beschreibungen, wie Menschen ihre Wege im Bahnsystem erleben, gesammelt, so dass dann Positives und Problematisches aus Nutzendensicht systematisiert werden konnte. Mit einer bundesweiten Umfrage mit über 4000 Teilnehmenden wurde die Relevanz der angeschnittenen Themen gewichtet.
Die angerissenen Problemstellungen kennen alle, die öfters mit der Bahn unterwegs sind. Neben der atmosphärischen Aufenthaltsqualität ist z.B. ein extrem wichtiges pragmatisches Thema, wie man im und um den Bahnhof zu aktuellen und korrekten Informationen über die Möglichkeiten der Fahrtfortsetzung erhält, auch bei Verspätungen und Ausfall der ursprünglich für die Reise geplanten Züge. Der Blickwinkel des Users, der Kundin und des Kunden von Bahndienstleistungen, steht, so die Beobachtung im Projekt, viel zu selten im Mittelpunkt der Gestaltung des Bahnhofs und der Dienstleistungen in und um ihn. Z.B. müssen die Informationssysteme von Bahn und Bus, die Routenangebote für den Fuß- und Radverkehr, die Informationen von Sharingsystemen gekoppelt und vernetzt werden und viel mehr auf die tatsächlichen Wege der Reisenden ausgerichtet sein.
Insgesamt ergibt sich ein Tableau von Maßnahmen, die angegangen werden können und sollten. Sie verursachen zwar Aufwand, aber lassen z.B. bei einer Streckensanierung die Verbesserungen erst wirklich für die Bahnnutzenden spürbar werden. So dass am Ende die User-Erfahrungen an den Bahnhöfen und Bahnhalten, den Knotenpunkten einer intermodalen Reise, sich stressarm und, möglichst sogar im Falle von Verspätungen, angenehm gestalten. Und man gern wiederkommen will und nicht etwa abgeschreckt wird.
Die sehr lebhafte Diskussion im Anschluss an den Vortrag zeigte, wo es in der Praxis hapert: An dem, was im letzten Maßnahmencluster des Diagramms angesprochen ist, die „Akteurskooperation“. In der derzeitigen Realität erleben sich alle als isoliert – und sind jeweils enttäuscht: Die Kommunen, von denen manche ambitionierte Programme zur Aufwertung ihres Bahnhofs verfolgen, andere aber nichts mehr machen wollen, weil es nicht beachtet wird. Die Kundinnen und Kunden, die gerne Bahn fahren, aber oft und tiefgreifend frustriert werden. Die als Kunden zu Gewinnenden, die es vorerst aufgegeben haben, eine Bahnverbindung zu nutzen. Verbände wie der VCD, die den Eindruck haben, mit ihren Verbesserungsvorschlägen gegen Wände zu laufen oder schlicht nicht wahrgenommen zu werden. Die Teilorganisationen der DB und anderer Bahnbetriebe, die für Bau und Unterhaltung von Bahnhöfen und Stationen zuständig sind, von der DB die DB-InfraGO, die sich als Einzelkämpfer auf weiter Flur erleben. Eine beim Vortrag anwesende Vertreterin der DB-InfraGO warb nachdrücklich darum, bei ihren intensiven Bemühungen um die Gestaltung von „Zukunftsbahnhöfen“ mehr Unterstützung zu erfahren.
Die Anliegen der Menschen, die mit der Bahn fahren, müssen ernst genommen, ihnen muss Rechnung getragen werden. Ein Chancenfenster dafür könnte sich öffnen, wenn die Zusammenarbeit zwischen den engagierten, aber oft zu wenig gemeinsam planenden und handelnden Akteuren mehr gepflegt wird. Warum finden z.B. nicht überall Foren statt, an denen sich Betroffene und Engagierte austauschen, erforderliche Maßnahmen identifizieren und in gegenseitiger Abstimmung in die Wege leiten? So könnte man dem gemeinsamen Ziel einer Bahnhofs- und Ortsentwicklung hin zu nachhaltiger Mobilität effektiv näher kommen.
Wir sind gespannt, ob die Bahn im Zuge der geplanten Bahnhofs-Renovierungen neue Schritte wagt und die Bedürfnisse der Zugnutzenden stärker berücksichtigen wird.
[RR, CB]
------------------------------------------------------------
Vortrag zur Nutzenden-Perspektive, Vortrag auf dem Deutschen Nahverkehrstag 2022, https://rlp.vcd.org/fileadmin/user_upload/Rheinland-Pfalz/Verbaende/Landesverband_RLP/rupert_roeder__die-user-perspektive.pdf
Ein allgemeiner Vortrag von Jutta Deffner für den VCD ist abrufbar unter https://www.vcd.org/fileadmin/user_upload/Redaktion/Jetzt_unterstuetzen/Wissen_fuer_Aktive/25-11-17_VCD_Bahnhof_der_Zukunft.pdf