Rheinland-Pfalz

Mobilitätsbildung
Rheinhessen

Mobilitätsstile

Das ISOE - Institut für sozial-ökologische Forschung Frankfurt entwickelt seit 25 Jahren wissenschaftliche Entscheidungsgrundlagen und zukunftsfähige Konzepte für Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft (http://www.isoe.de). Der VCD Rheinhessen konnte die Leiterin der Abteilung des ISOE für Mobilität und urbane Räume, Dr. Jutta Deffner, für eine Veranstaltung zum Thema „Lebensstil und Mobilität“ gewinnen, die am 24. Juni in Mainz stattfand.

Beinah dreißig Besucherinnen und Besucher sind am Samstagnachmittag zu dem Termin im Rahmen der VCD-Reihe „Nachhaltige Mobilität“ gekommen. Sie erleben, dass zunächst trocken erscheinende Wissenschaft zur spannenden Angelegenheit wird, wenn die wissenschaftlichen Konzepte und empirischen Resultate den Blick für die Bedingungen und Möglichkeiten des politischen Handelns schärfen. Der Vortrag von Jutta Deffner dreht sich um die Frage, wie die sozialwissenschaftliche Forschung versucht, Entscheidungen der Menschen für oder gegen bestimmte Verkehrsmittel zu verstehen. Die Antworten auf diese Frage würden, so die Aussicht, zu Erkenntnissen verhelfen: Was sollte die Politik, was können die Medien, was können wir als VCD tun, damit die Entscheidungen mehr als bisher zugunsten nachhaltiger, ökologisch verantwortbarer Verkehrsmittel ausfallen?

Als einen methodischen Ansatz präsentiert Deffner die Lebensstilforschung. Als Lebensstil wird ein Gesamtzusammenhang von Einstellungen, Sichtweisen und Verhaltensweisen von Personen aufgefasst.  Damit erlaubt das Konzept eine Beschreibung von gesellschaftlichen Gruppen als gesamtgesellschaftlichen Phänomenen in ihrem individuellen, jedoch innerhalb der Gruppe ähnlichen Entscheidungsverhalten. Das Konstrukt, vergleichbar in etwa mit der alten Beschreibung gesellschaftlicher Klassen im Marxismus, führt bei einer empirisch arbeitenden Wissenschaft und angesichts der Komplexität der heutigen Gesellschaft zu einer weiten Ausdifferenzierung von beobachteten Gruppen bzw. „sozio-kulturellen Segmenten“.

Das ISOE hat diese soziologische Methodik zu einer Betrachtung von „Mobilitätsstilen“ weiterentwickelt. So lässt sich zum Beispiel in verschiedenen Segmenten der Gesellschaften unterscheiden, zu welchem Grad eine ökologische Motivation typisch ist, die dann möglicherweise zur Nutzung anderer Verkehrsmittel als des individuellen Kraftfahrzeugs führt. Oder ob bzw. wie weit im jeweiligen Teil der Gesellschaft die Kosten des motorisierten Individualverkehrs ein Motiv für den Verzicht auf ein Kraftfahrzeug bilden. Für verschiedene Kombinationen dieser Motivtypen gibt es, so die empirischen Resultate, Gruppen, für die die jeweilige Kombination typisch ist. Das Spektrum reicht  von„ökologisch motiviert“ kombiniert mit  „vergleichsweise arm“  (relativ häufig bei jungen Menschen) bis zu „ökologisch komplett desinteressiert“ kombiniert mit „vergleichsweise sehr vermögend“ (bei sog. Eliten).

Diese Analyse zeige, so resümiert Deffner, Ansatzpunkte, um Gruppen mit unterschiedlichen Motivationslagen auch unterschiedlich anzusprechen. Anstelle etwa eines unspezifischen Appells an das Ökologiebewusstsein sei es erfolgversprechender, gruppenadäquate neue Vorstellungen zu entwickeln und zu vermitteln, zum Beispiel:

  • Mit dem Fahrrad mobil sein signalisiert Fitness, Gesundheitsbewusstsein, Freude an der Bewegung (während umgekehrt der gesellschaftliche Wandel zur Automobilkultur unter anderem von der Konnotation von Fahrradfahren mit „Armut“ herrührte).
  • Zuschreibungen von „Status“ bemessen sich nach der Freiheit von den Zwängen des Automobilverkehrs (zum Beispiel stressfreies Arbeiten oder Entspannen im Zug, wie es die Bahn in ihrer Werbung präsentiert). Und über andere Symbole als das „dicke Auto“ (bei jüngeren Menschen in Großstädten hat das Smartphone als Statussymbol dem Auto seinen Rang schon abgelaufen).
  • Die Fortbewegung mit dem Fahrrad ist zu verstehen als ein nützliches Instrument in Hinblick auf andere Zwecke wie „Gesundheit“ und „rationelle Lebensführung“ (letzteres aber nicht mit „Armut“ zu assoziieren).
  • Breite Verfügbarkeit situationsgerechter, unterschiedlicher Verkehrsmitteloptionen (Fahrrad inkl. Bike- und Cargobike-Sharing, ÖPNV, Car-Sharing mit jeweils passenden Wagengrößen, Taxi) erscheint in der Summe weit praktischer als „das Auto vor Haustür“.

Der Tipp aus der Wissenschaft für die praktische politische Arbeit zum Schluss des Vortrags: Nach dem „Life Course Approach“ sind Menschen am ehesten bereit, über neue Verhaltensweisen nachzudenken, wenn sich ihre Lebenssituation ändert, sie zum Beispiel den Wohnort oder den Arbeitsort wechseln oder in eine neue Lebensphase eintreten. Das kann begleitet und unterstützt, aber nicht oktroyiert werden.

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