Rheinland-Pfalz

Bahn & Bus, Verkehrspolitik, Rheinland-Pfalz
Landesverband Rheinland-Pfalz

„Wir brauchen eine neue Mobilitätskultur“

„ÖPNV für alle ermöglichen und attraktiv machen!“ lautete das Thema des 5. VCD-Wortwechsels, eine verkehrspolitische Podiumsdiskussion des Landesverbandes des ökologischen Verkehrsclubs.

Während der Podiumsdiskussion mit Susanne Schweikert (Mobilität für alle), Ingrid Ahrens (VCD) und Jochen Erlhof (Verkehrsbetriebe Mainz) wurden zwei zentrale Fragen erörtert: Wie kann der ÖPNV für alle Bevölkerungsgruppen bezahlbar sein? Wie kann er zugleich attraktiver werden und Autofahrer zum Umsteigen bewegen?

„Eine verlässliche Taktung, dichte Linien, gute Infrastruktur, Sicherheit, leichte Zugänglichkeit hinsichtlich der Tarife, Transparenz und Einfachheit der Nutzung sind zentral, damit der ÖPNV als Verkehrsmittel-Alternative in Betracht gezogen wird“, so Ingrid Ahrens vom Verkehrsclub Deutschland in ihrem Eingangsstatement. Doch selbst wenn diese Bedingungen gegeben sind, ist für viele Menschen hinter dem Steuer ein Umstieg kaum vorstellbar. Jochen Erlhof von den Mainzer Verkehrsbetrieben sieht den Komfort im ÖPNV als weiteren zentralen Punkt für mehr Attraktivität. „Letztlich ist es jedoch so, dass man die gesellschaftliche Akzeptanz vergrößern muss und diese auch mithilfe der Politik durchgesetzt werden muss.“ Die weit höheren faktischen Zuschüsse der Kommunen für den PKW-Verkehr gegenüber dem ÖPNV (Parkraum, Straßennutzung, Sicherheitsleistung) müssen zurückgeschraubt werden. Einsicht in die Klimaprobleme oder Umweltbewusstsein allein reichen bei vielen Autofahrern nicht aus, um auf das eigene Fahrzeug zu verzichten.

Während die Diskutierenden hinsichtlich der Attraktivität des ÖPNVs weitestgehend einer Meinung waren, wurde das Thema „Finanzierbarkeit für alle“ kontroverser diskutiert. Susanne Schweikert von Bündnis „Mobilität für alle“ kritisierte die zu hohen Kosten des ÖPNV für „Menschen mit kleinem Geldbeutel, denn für 26,87€ (Hartz IV-Regelsatz für Mobilität) kann man sich den ÖPNV nicht leisten.“ Ein positives Beispiel bezüglich der Finanzierbarkeit sei die Stadt Wien, wo jeder Bürger für 365€ ein Jahresticket kaufen könne, sprich für einen Euro täglich Bus und Bahn fahre. Ein solches Konzept könnte auch als Vorbild für die Preisstruktur des ÖPNVs in Deutschland fungieren, auch weil die Bevölkerung das Ticket dann nicht mehr „ablehnen“ könnte, so eine Anmerkung aus dem Publikum.

Für Jochen Erlhof von den Mainzer Verkehrsbetrieben ist dieses Konzept dennoch nicht einfach auf Rheinland-Pfalz zu übertragen: „In Wien ging die Einführung eines solchen Tickets einher mit dem Ausbau des ÖPNV und der Kapazitäten. Attraktivitätssteigerung muss in Form von Kapazitätenerweiterung stattfinden, statt primär über Fahrpreissenkungen“. Überfüllte Busse zu Stoßzeiten seien, so Erlhof, ein Grund dafür, dass immer noch viele Menschen den Bus meiden. „Diese Menschen müssten wir erreichen, sie sollten wie selbstverständlich mitfahren.“ Der Geschäftsführer der Mainzer Verkehrsbetriebe, führte weiter aus, dass die Verkehrsbetriebe nur durch betriebswirtschaftliche korrekte Kalkulation einen Beitrag zur Finanzierbarkeit leisten könnten, „wir können keine Sozialpolitik machen“. Einig waren sich die Podiumsteilnehmer darin, dass eine Bezahlbarkeit für alle wünschenswert sei, die Frage nach der konkreten Finanzierbarkeit eines Sozialtickets blieb jedoch ungeklärt. Eine staatliche Subventionierung wäre, genauso wie die Einführung des ÖPNV als Pflichtaufgabe denkbar.

Die Bedingungen für eine Verkehrswende – verstanden als eine wirkliche Neuorganisation des Verkehrs, „eine neue Mobilitätskultur“ und nicht nur eine „Antriebswende“ – waren noch nie so positiv, fasst Ingrid Ahrens vom VCD-Bundesvorstand zusammen. Der Rückenwind, den der ÖPNV aktuell durch den Dieselskandal erfährt, müssen wir nutzen, um die Weichen für eine neue Verkehrskultur zu stellen.

 

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