Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfalz, Verkehrspolitik

Tempo 30: Was in Paris geht, sollte auch in deutschen Ortschaften möglich sein

Paris macht es vor: Seit Ende August gilt auf fast allen Straßen Tempo maximal 30 aus Gründen der Verkehrssicherheit und des Klimaschutzes.

 

“Die Geschwindigkeit des Verkehrs dort, wo sich Menschen aufhalten, auf 30 km/h zu vermindern ist eine der effektivsten Maßnahmen, um die Zahl der Todesfälle im Straßenverkehr abzubauen“ hat kürzlich, zu Recht, ein ehemaliger Ferrari-Chef erklärt.(Quelle)

Was in Paris geht, sollte auch in deutschen Ortschaften möglich sein. Immer wieder erreichen den VCD Anfragen und Gesuche um Unterstützung bei der Einführung von Tempo 30 in Innerortslagen. Die Gründe dafür sind eigentlich auch hierzulande ausreichend bekannt:

Gefahrenabsenkung

Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit in den Ortschaften ist eine der ältesten Forderungen des VCD.

Fahrschulstoff: Ein Fußball rollt auf die Straße, ein Kind rennt hinterher. Kann das Auto noch rechtzeitig halten? Zuerst wäre natürlich zu fordern, dass auch dem Kind die Straße gehört und es dort einfach Fußball spielen kann. Aber die Rechnung: Der durchschnittliche Fahrer braucht nach der Wahrnehmung des Balls eine Sekunde, bis er auf das Bremspedal tritt. Bei Tempo 30 legt der Wagen in der ersten Phase 8,3 m zurück und kommt nach weiteren 5m zum Stehen, also insgesamt nach 13,3 m. Dagegen bewegt sich der Wagen bei Tempo 50 ganz ungebremst sogar 13,9 m, auf denen er mit der vollen Wucht von ein oder zwei Tonnen Blech im unglücklichsten Fall auf einen Menschen trifft, um erst nach weiteren 13,8 m zum Stehen zu kommen.

Lärmreduktion

Tempo 30 macht die Straßen ruhiger und das Leben stressfreier. Bei 30 km/h sinkt der in dB(A) gemessene Lärm im Schnitt um 3 Punkte. Das entspricht einer gefühlten Halbierung des Verkehrs. 

Außerdem gibt es weniger Lärmspitzen, die als besonders störend empfunden werden. In Mainz wurden Messungen durchgeführt, nachdem aus Lärmschutzgründen Tempo 30 vorgeschrieben worden war. 

Begleitende Messungen in der Mainzer Rheinstraße ergaben bei Tempo 30 nachts mit mehrtägiger Radarüberwachung verkehrsmengen­be­reinigt um 3,3 dB(A) geringere Mittelungspegel als bei Tempo 50, obwohl die mittleren Geschwindigkeiten nur um 13 km/h sanken. Vor allem die besonders störenden Einzelereignisse, deren Maximalwert 65 dB(A) für eine Sekunde oder länger überstieg, sanken durchschnittlich um 40 %. (Quelle; S.13.)

Schadstoffverminderung

Bei Tempo 30 nehmen die Emissionen „alter“, nicht emissionsfreier Kraftfahrzeuge deutlich ab. Das hat ebenfalls die Überprüfung in Mainz ergeben, nachdem zur Einhaltung der EU-Schadstoffnormen auf weiteren Straßenzügen T30 eingeführt wurde. Dank einer Minderung der NO2-Werte um mehrere µg / m³ hat Mainz erreicht, dass der Grenzwert von 40 µg / m³  ohne Fahrverbote unterboten wurde. Die lokale Zeitung resümierte:

Tempo 30 zeigt Wirkung. Auf Rheinachse und Kaiserstraßen sinken Lärm und Luftbelastung/ Polizei registriert weniger Unfälle. (Allgemeine Zeitung Mainz, 24.7.2021, S.11)

Zivilisierung des Straßenraums

Wenn Autos maximal 30 fahren, ist auch Radfahren auf der Fahrbahn gut möglich und das Zu-Fuß-Gehen auf den Gehwegen kann wieder zum Flanieren werden. Und wenn Wege für Fußgänger:innen und Radfahrende attraktiv sind, ziehen sie Menschen zu Fuß und mit dem Rad förmlich an. Der Autoverkehr nimmt ab, weil die Menschen auf andere Verkehrsmittel umsteigen. 

Gerade die Innerortslagen, über deren Probleme so viel geredet wird, profitieren enorm, wenn nicht die Autos mit Lärm, Stress und Gestank den Aufenthalt verderben. Straßen können dann wieder vermehrt als öffentlicher Raum genutzt werden, die Lebens- und Wohnqualität verbessert sich.

Bedeutung für den Radverkehr

Bei Tempo 30 sinkt das Stress- wie das Gefahrenlevel für Radfahrende enorm. Dabei ist es gleichgültig, ob man mit dem Rad auf der Fahrbahn, auf Schutzstreifen oder auf getrennten Radwegen unterwegs ist. Aufheulende Motoren in engem Abstand verleiden das Radfahren. Spätestens beim Abbiegen und an Kreuzungen und Einmündungen ist auch bei abgetrennten Radspuren ein Konfliktpotential mit dem Autoverkehr unvermeidlich, die Gefahr ist bei Tempo 30 aber viel geringer als bei höheren Geschwindigkeiten.

Im Radverkehrsentwicklungsplan Rheinland-Pfalz 2030 des Verkehrsministeriums steht daher als Forderung:

Die unteren Straßenverkehrsbehörden schöpfen individuell den bestehenden straßenverkehrsrechtlichen Rahmen zur Anordnung streckenbezogener Geschwindigkeitsbegrenzungen zur Sicherung des Radverkehrs z. B. auf radverkehrsrelevanten Straßenabschnitten außerorts und innerorts auch in Ortsdurchfahrten und auf Hauptverkehrsstraßen verstärkt aus. 

Rechtliche und politische Lage in Deutschland

Die Straßenverkehrsordnung in Deutschland wurde eigentlich geschaffen, um für freie Bahn fürs Auto auf den Straßen zu sorgen. Das prägt bis heute. Andere leitende Gesichtspunkte als „die Flüssigkeit des Verkehrs“, verstanden als Autoverkehr, sind erst wenige und nach langem politischen Druck in die neuesten Fassungen der StVO eingeflossen. Daher ist die rechtliche Legitimation für das Aufstellen von Tempo 30-Schildern oft immer noch schwierig.

Dabei wäre Tempo 30 eine leicht umsetzbare Sofortmaßnahme für die Sicherheit des Verkehrs und die Förderung der Städte.  Wie die Wahlprüfsteine des VCD Bundesverbands zeigen, setzen sich bis jetzt lediglich Bündnis 90 / Die Grünen und Die Linke für eine solche Geschwindigkeitsbegrenzung ein.

zurück